Bunt-Papier 2002

Ein Jahresrückblick

Liebe Mitglieder, liebe Freunde,
Zehn Jahre Ausländerbeirat, zehn Jahre Diên Hông e.V.– inmitten dieser Feierlichkeiten blickt Rostock, aber auch das ganze Bundesgebiet, auf die Entwicklungen seit der „organisierten Verantwortungslosigkeit“ (Zitat von Manfred Rissmann, damaliger SPD-Landtags-Vizepräsident) von Lichtenhagen 1992 zurück. Mit mehrheitlich wachen Augen. Denn das Pogrom hat unser Vertrauen in Nachbarschaft, Kommune und Justiz grundlegend erschüttert.

Friedensfest 2002

Am zehnten Jahrestag, auf dem großen Friedensfest am 24.08.02 in Rostock-Lichtenhagen, fand Oberbürgermeister Arno Pöker Worte der Entschuldigung und des Eingeständnisses von Fehlern durch die Stadt. Sie wurden als langersehntes Zeichen der Wiedergutmachung von der Öffentlichkeit gewürdigt.
Das unter Koordination von Bunt statt braun und unter Mitwirkung von über 30 Organisationen gestaltete Friedensfest stellte ein Forum für alle für Toleranz und gegen Rechtsextremismus engagierten MitbürgerInnen dar. Die farbenfrohe Dekoration haben über 1400 Rostocker Kinder mit gemalten und gebastelten Schmetterlingen gestiftet. An den Aktivitäten rund um das Friedensfest beteiligten sich an die 10.000 Menschen. Wir alle haben damit ein klares Bekenntnis von Rostock gegen Gewalt und Rassismus geschaffen. Unsere Botschaft hat zu unserer Freude die erhoffte bundesweite, mit den Tagesthemen gar internationale mediale Aufmerksamkeit erreicht.
Zahlreiche prominente Redner, u.a. Bundesministerin Renate Künast, benannten die Verantwortung, in der Bund, Land, Kommune sowie jeder Einzelne stehen, um rassistisches Unrecht zu verhindern. Das Zuwanderungsgesetz wurde bei aller Unzulänglichkeit mehrheitlich als Chance gewertet, den Zuwanderungsprozess durch klare Regeln aktiv zu gestalten. Eine Fülle kreativer Angebote lud alle MitbürgerInnen ein, das Miteinander in Rostock ebenso aktiv mitzugestalten.

Dank
Bei dieser Gelegenheit dankt Bunt statt braun allen Unterstützern von Bund, Land und Stadt, den über 100 Organisationen, Initiativen und Unternehmen sowie den unzähligen Mitwirkenden nochmals ganz herzlich. Gefördert wurde das Projekt durch Hansestadt Rostock, Civitas-Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, WIRO, OSPA, Stadtwerke, Scandlines, Klini-kum Südstadt, WG Union, Hafen- und Entwicklungsgesellschaft Rostock mbH, Großmarkt GmbH, Tourismusverband M-V, Rostocker Brauerei, Eurawasser, RSAG, Stadtentsorgung, WG Schiffahrt-Hafen, Landesverband B90/Die Grünen, ver.di Bezirk Rostock, Reederei Laeisz, IHK Rostock, Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau mbH, Ostseeflughafen, Telekom, Coca Cola, Unternehmerverband Rostock und Umgebung e.V., EVG und eine Vielzahl Einzelpersonen.

Viel hat sich geändert -
Rostock hat mit den Gedenkveranstaltungen am 23. August und dem Friedensfest am 24. August 2002 in Lichtenhagen sowie vielen weiteren Veranstaltungen in diesem Herbst ein unmissverständliches Zeichen der Bejahung des interkulturellen Zusammenlebens in Rostock gesetzt. Aus der Erinnerung an das Verbrechen heraus sind die seither in Rostock aufgebauten Strukturen und Aktivitäten gewürdigt worden, die zum Abbau der Konfliktpotentiale im Zusammenleben verschiedener Kulturen beitragen. Allen Ansprachen war der Gedanke gemein: Viel hat sich geändert - vieles bleibt zu tun!

- vieles bleibt zu tun!
Wir wünschen uns mehr Normalität zwischen in- und ausländischen MitbürgerInnen im Umgang in den ganz alltäglichen Situationen. Und mehr Sensibilität. Das bedeutet mehr Verständnis, Aufmerksamkeit, Wohlwollen, Vertrauen und Wissen.
Aber auch in kritischen Situationen wie z.B. in diesem Sommer, als Rechtsextreme mit provokativen Brandanschlägen in Lichtenhagen einen vietnamesischen Markt und Imbiss zerstörten. Bunt statt braun reagierte prompt mit einer Erste-Hilfe-Geldspende und Vermittlung bei der Lösung der akuten Probleme, z.B. der schnellen baulichen Schadensbeseitigung, Bereitstellung von Ausweich-Verkaufsfläche und Versicherungsangelegenheiten. Mehr nachbarschaftliche Anteilnahme wäre wünschenswert gewesen (z.B. persönlicher Beistand oder Hilfe bei Aufräumungsarbeiten u.ä.).
Es bedarf der Aufklärung, des aktiven gegenseitigen Teilens und der Besonnenheit bei auftretenden Konflikten. Die Anteilnahme am Friedensfest wie auch an den jüngst gefeierten zehnten Geburtstagen zeugt davon, dass die Bürgerinnen und Bürger Rostocks in der Tat Möglichkeiten suchen, um ihrem Interesse am friedlichen, interkulturellen Zusammenleben Ausdruck zu verleihen und daran teilzuhaben.

Ausstellung von Bunt statt braun und dem ABRO:
 „Von Menschen, Ansichten und Gesetzen. ...“
Entsprechend erfreulich fiel auch die Resonanz auf die am Friedensfest eröffnete Ausstellung „Von Menschen, Ansichten und Gesetzen. Rostock-Lichtenhagen – 10 Jahre danach“ aus. Von Bunt statt braun an die Agentur Qbus in Auftrag gegeben und unter Mitwirkung zahlreicher engagierter Organisationen entwickelt, erinnert sie an die Hintergründe und Folgen von ´92, klärt über Akteure und Opfer, politische Brandstiftung, Migration und Fluchtgründe, Rechtsextremismus und Handlungsmöglichkeiten sowie Engagement in Rostock auf. Sie zielt darauf ab, das Bewusstsein um die Eigenverantwortlichkeit eines jeden Mitbürgers zu schärfen.

„... Rostock-Lichtenhagen –
10 Jahre danach“
Viele Gespräche mit Zeitzeugen haben die Konzeption der Ausstellung zu Lichtenhagen begleitet. Es ist frappierend, wie viele Rostocker und Rostockerinnen sich heute unter Rechtfertigungsdruck sehen angesichts der Geschehnisse ´92. „In Wirklichkeit gingen die Ausschreitungen ja nicht gegen die Vietnamesen sondern gegen die Sinti und Roma. Sie hätten mal erleben sollen, wie die da gehaust haben. Ich kam täglich daran vorbei. Es war eine Schande.“ Noch heute wird vergessen, dass die Flüchtlinge – auch die Kinder – nichts zu essen, zu trinken und auch keinen Zugang zu Toiletten hatten, solange sie tagelang auf ihre Registrierung im Asylverfahren warten mussten. Ein paar Sätze später folgt dann häufig erst die Überlegung, dass die Wut der Bevölkerung sich eigentlich gegen die verantwortlichen Behörden hätte richten sollen.
Übrig bleibt der ernüchternde Eindruck, dass der Weg hin zur Trauer um die Demütigung, die die Opfer damals brutal erfahren haben und die v.a. Sinti und Roma noch heute in vielerlei Formen erfahren, noch weit ist und das gegenseitige Verständnis um kulturelle und menschliche Hintergründe nach wie vor fehlt.

Wanderausstellung im Projekte-Verbund und Dokumentation im Internet
So sieht sich der Vorstand von Bunt statt braun dazu ermuntert, die Ausstellung wie geplant auf Wanderschaft zu schicken und das Hintergrundmaterial über Internet zugänglich zu machen. Damit wollen wir unseren Wirkungsbereich vermehrt über die Grenzen Rostocks hinaus dehnen. Geplant ist, an Schulen Begleitprojekte in Zusammenarbeit mit verschiedenen anderen Vereinen anzubieten, etwa mit Ökohaus, Netzwerk für Demokratie und Courage, Lobbi, RAA. Davon erhoffen wir uns eine vielschichtige und zugleich kreative Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus, insbesondere unter Jugendlichen und Lehrkräften.
Derzeit formiert sich ein Team, das - dem jeweiligen Kontext angepasst - Führungen zur Ausstellung anbietet. Weitere Mitwirkende, so auch aus dem Kreis der Mitglieder, sind unbedingt willkommen. In Zusammenarbeit mit dem Ausländerbeirat, dem Schulamt u.a. sollen als Vorbereitung die Inhalte unter didaktischen Gesichtspunkten durchgesprochen werden.
Nach der Präsentation im Rathaus, im Rostocker Freizeitzentrum, im Ostsee-Gymnasium Evershagen und im Jugendzentrum Zebef in Ludwigslust wird sie vom 13.01. bis 27.01.2003 im Foyer des Universitäts-Hauptgebäudes zu sehen sein. Bei Bedarf bietet der Verein Führungen an. Ein Gästebuch sammelt Kritik und Anregungen, die in die digitale Dokumentation einfließen.
Ab Januar 2003 wird die Internet-Dokumentation samt umfassenden Hintergrundmaterials über zwei  Internetportale
· www.ausstellung-rostock-lichtenhagen.de
·  www.living-with-conflict.org/lichtenhagen
abrufbar sein.
Über ein spezielles Redaktionssystem soll die Dokumentation für Nutzer erweiterbar sein. Für deren Betreuung wird der Verein personelle Absicherung benötigen.

abermals Dankeschön
Unser besonderer Dank richtet sich an die Förderer der Ausstellung: Hansestadt Rostock, WIRO, Landesrat für Kriminalitätsprävention M-V, Landeszentrale für politische Bildung M-V, Bundeszentrale für politische Bildung.

Mitwirkung ist gefragt
Für die SOS-Eingangs-Aufkleber ist ein Nachdruck geplant. Weit über 6000 Aufkleber wurden bereits in M-V, aber auch in das gesamte Bundesgebiet vergeben. Die überraschend hohe Nachfrage ist den vielen persönlich geführten Gesprächen zu verdanken. Um vermehrt auch die ländlichen Regionen für die Aktion zu gewinnen, hofft der Verein auf Mitwirkende aus den eigenen Reihen oder von befreundeten Vereinen. Bitte melden Sie sich bei Interesse!
An Ideen für weitere Projekte mangelt es nicht. So denkt der Vorstand über weitere ergänzende Bildungsprojekte sowie über eine Präsentation des Vereins auf der IGA 2003 nach, und es werden allerlei Vorschläge für interkulturelle Feste kleineren Rahmens in Zusammenarbeit mit anderen Initiativen geprüft. Wir möchten darauf hinweisen, dass die Geschäftsstelle für die verschiedenen Tätigkeitsfelder selbständige und aufgeschlossene PraktikantInnen jederzeit willkommen heißt und attraktive Projekte anbieten kann.
Um den Mitgliederkontakt zu verbessern und Informationen ohne Zeitverzug kostengünstig zu verbreiten, hat die Geschäftsstelle von Bunt statt braun kürzlich zwei Email-Verteiler für alle Mitglieder und Freunde eingerichtet. Wer aktuelle Informationen rund um die Vereinsarbeit und Anti-Rassismus-Arbeit erhalten möchte, kann sich hierzu durch eine kurze Benachrichtigung in diesen Verteilerkreis eintragen lassen. Dazu bieten wir auch einen Verteilerkreis für alle diejenigen an, die darüber hinaus auch über weiterreichende aktuelle Informationen und Einladungen von befreundeten Initiativen und Vereinen versorgt werden möchten.

Fröhliche Weihnachten und ein erfolgreiches neues Jahr 2003 wünscht Bunt statt braun e. V.