Redebeitrag Pastor i.R. Arvid Schnauer, Kulturpreisträger der Hansestadt Rostock
Rostock gegen Rassismus und Gewalt. 10 Mai Doberaner Platz
Liebe Rostockerinnen und Rostocker,
wenn etwas für mich seit Kindheitstagen fest steht, dann dies: Nie wieder darf eine so menschenverachtende, brutale und lebensfeindliche Bewegung wie der Nationalsozialismus Menschen in ihren Bann ziehen.
Es ist wahrlich genug Blut geflossen, in meiner Familie habe ich es hautnah erlebt, Millionen haben zu spüren bekommen, wohin das Herrenmenschentum führt, Völker haben sich entzweit und Länder die Wunden des Krieges zu tragen gehabt – sollten nun einige Unverbesserliche und Unbelehrbare erneut die Chance haben, durch unsere Städte zu ziehen, ihre Parolen zu brüllen und die Geschichte zu verdrehen ? Ich sage NEIN, und ich will das nicht nur mit Worten aussprechen, sondern wir alle sind doch hier, um zu verhindern, dass das geschieht. Von Rostock soll es heißen, diese Stadt an der Ostsee, die Stadt Joachim Slüters, der Universität und der Hochschule für Musik und Theater, der IGA und des Weidendoms, diese unsere Stadt Rostock hat sich dem Aufmarsch der Neonazis widersetzt, 2003 zeigen wir nach schlimmen Bildern aus der Vergangenheit, dass wir diesen Spuk in unserer Stadt nicht dulden.
Wenn auch für manchen die Kirche nicht der richtige Partner ist, wenn auch genug Fehler in unserer eigenen Geschichte gemacht wurden – eines steht doch für viele fest: Menschen des Glaubens haben sowohl in der Bibel als auch in ihrem Verhalten immer wieder klare Worte gegen Menschenverachtung und Diskriminierung anderer gefunden; die christlichen Gebote nennen einfache Grundregeln für das Zusammenleben, wann immer die Würde und die Gerechtigkeit auf dem Spiel standen, wurde in den Kirchen Protest laut und gebetet, und immer wieder erhoben sich gewaltfreie Stimmen für die einfachen Menschen, auf deren Seite wir auch heute stehen. Und es bedrückt mich sehr, wie viele unserer ausländischen Mitbürger und Studenten jetzt in Angst geraten, wenn sie erleben, wie Neonazis von den Straßen den Weg in die Köpfe suchen und dann vielleicht sogar über das Fernsehen in die Parlamente – dann kann ich nur sagen: Lasst nicht zu, dass in unserer Stadt Parolen laut gesagt werden, deren Falschheit und Dummheit uns bereits einmal in den Abgrund gestürzt haben. Nie wieder – das ist die Lehre, die auch wir Christen aus der deutschen Vergangenheit gezogen haben. Ob nicht gerade angesichts der Streitereien in der Friedensbewegung unsere Rolle darin bestehen kann, für Gemeinsamkeit zu sorgen und miteinander nach Auswegen zu suchen, wie durch demokratische Aktionen die jetzige Situation verändert werden kann ? Denn das heute Nazis wieder durch deutsche Städte marschieren und durch das Grundgesetz und die Polizei geschützt werden, schon das ist verfassungsfeindlich in meinen Augen !
Lassen Sie mich abschließend noch einen Satz dazu sagen, dass eine ganze Reihe Älterer mit grauen Haaren wie ich hier mitdemonstrieren und das Wort ergreifen. Es sind eben nicht nur junge Leute, die spontan oder aus jugendlichem Enthusiasmus den Ewig-Gestrigen entgegentreten, sondern gerade wir mit noch eigenen Erfahrungen der furchtbaren Folgen des Nationalsozialismus müssen deutlich machen: Wir lassen Euch nicht allein – denn das darf sich nicht wiederholen. Und so rufe ich allen Zögernden und Unsicheren zu: Hier ist Euer Platz, zeigt friedlich, aber eindeutig mit aller Entschlossenheit: Unsere Stadt ist offen für viele bunte Gedanken und Menschen, aber nicht für Nazis !
